Terra Nova

Terra Nova Editorial vom 23.12.2021

„Einsamkeit ist Endlichkeit und Beschränktheit, Gemeinschaftlichkeit ist Freiheit und Unendlichkeit.
Der Mensch für sich ist Mensch (im gewöhnlichen Sinn); der Mensch mit Mensch – die Einheit von Ich und Du – ist Gott.“
Ludwig Feuerbach, deutscher Philosoph im 19. Jhd.

                                                                                                                                                                                                                            

Engel begrüßen ein Neugeborenes – aus dem Tamera-Archiv

Liebes Menschenwesen,

Ich wünsche dir schöne Rauhnächte und Zeiten zwischen den Jahren, was auch immer du vorhast. Ich selbst habe es immer geliebt, in diesen Wochen ganz zur Ruhe zu kommen, viel allein zu sein und in mich hineinzuhorchen, den Geist der Weihnacht zu zelebrieren, das alte Jahr abzuschließen, das neue zu verankern. Doch dieses Jahr ist es anders. Tiefe und Besinnung suche ich nicht mehr im Allein-Sein, sondern mit anderen. Gerade die neuen Kontaktbeschränkungen sind ein Weckruf: Wir brauchen einander, gerade jetzt, in aller Tiefe und Wahrhaftigkeit. Ich glaube, sowohl spirituell als auch gesellschaftlich ist es die wichtigste Aufgabe der Zeit, uns zu begegnen und wirklich zu berühren. Der Geist der Weihnacht, die Geburt Gottes in uns, also im Menschen, liegt für mich in diesem Jahr in Begegnung und Gemeinschaftlichkeit. Rauhe Zeiten, das ist natürlich mehrdeutig: Nicht nur die Rauhnächte, sondern die zu erwartenden noch kritischeren Situationen. Da spreche ich nicht (nur) über Corona, sondern darüber, dass niemand von uns sagen kann, welche sozialen, ökonomischen und ökologischen Veränderungen im nächsten Jahr auf uns zukommen. 
Deshalb ist mein Weihnachtsaufruf: Nutze jedes Zusammenkommen in dieser Zeit, um dich tiefer, ernsthafter und ehrlicher mit deinen Freunden, Nachbarn, Familie zu verbinden und auszutauschen. Finde heraus,
auf wen du dich wirklich verlassen kannst. Sprich in Liebe und Respekt über das, was dir heilig ist, aber auch über kritische Dinge. Come together, nicht nur digital, sondern direkt in deiner Umgebung: Mit wem in deinem Dorf, deinem Stadtviertel, deiner Familie und Nachbarschaft kannst du dich austauschen und in einer Notsituation gegenseitig unterstützen, selbst wenn ihr nicht in allem einer Meinung seid? Im Zeitalter äußerer Kontaktsperren frage dich: Wie kann ich die inneren Kontaktsperren aufheben? Wie werde ich zu einem Menschen, dem man vertrauen kann?
Ein Freund erinnerte mich gestern an das Sicherheitsprinzip ursprünglicherer Gesellschaften: Sicherheit bedeutet da nicht, mehr zu besitzen als andere und sich besser gegen seine Nachbarn verteidigen zu können. Sicherheit ist die Gemeinschaftlichkeit in deinem Umfeld. Sicherheit bedeutet, die Nachbarn zu kennen und sie in jeder Lage um Unterstützung bitten zu können in einem Netz gegenseitiger Hilfe.

Einen Dank an alle, die gestern an dem schönen Webinar mit Sabine Lichtenfels teilgenommen haben. Sabine hat uns u.a. Ritual verraten, wie sie die Rauhnächte nutzt, und vielleicht möchtest du dich ja anschließen: Dazu schreibst du 13 Wünsche oder Widmungen auf jeweils einen Zettel. Vom 25.12. bis zum 6.1. gibt es jeden Abend zu Sonnenuntergang ein Feuer – es kann bei dir zu Hause ja auch eine Kerze sein – wo du einen Zettel ziehst, liest und dann verbrennst. Jede Nacht steht für einen Monat, und die letzte für das ganze Jahr. Mein Tipp: Nutze die Rauhnächte, um dich zu festigen angesichts möglicher rauher Zeiten.
Danke auch für die schönen Impulse aus dem Kreis der TeilnehmerInnen. Teilt sie doch hier, dann können sie alle lesen. Auch das Interesse an der Gründung von Terra-Nova-Studiengruppen steigt, und ich darf dich dazu ermutigen, dich einer Gruppe in deiner Region anzuschließen oder eine zu gründen. Auf unserer Karte kannst du dich eintragen und erfahren, ob es Menschen in deiner Region gibt. Wenn nicht, dann melde dich bei mir, evtl. kann ich dich vermitteln.
Zum Studientext: Ich habe diesmal einen ganz neuen Text von Dieter Duhm ausgewählt, um den er auf dem Friedenssymposium vor einigen Wochen gebeten wurde: seine aktuelle Stellungnahme zur Corona-Situation. Er hat den Mut und die sprachliche Kraft, in Corona nicht nur die Bedrohung, sondern auch die Chance auf eine echte Neu-Besinnung zu sehen. Wer weiß, vielleicht haben uns ja all unsere Lebenswege, Entwicklungen und Erkenntnisse genau auf diese Situation vorbereitet. Bitte teile ihn mit allen, die mitdenken möchten, wie eine nicht-spaltende Bewegung entsteht.

Viele Grüße aus Tamera!

 

Christa Leila

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