Terra Nova

Terra Nova Editorial vom 9. Dezember 2022

       

Liebes Terra Nova-Netzwerk,

Auf unserem Weg nach Tamera/Portugal haben wir einen inspirierenden Umweg gemacht: Wir haben die Alhambra in Granada besucht. Diese Gärten, Burgen, Schlösser am Fuße der Sierra Nevada waren fast dreihundert Jahre lang das letzte große Zentrum der Mauren in Spanien. Die Nasriden-Sultane förderten Künste, Wissenschaft, Medizin und ein – einigermaßen – konstruktives Nebeneinander von Moslems, Christen, Juden. Durch die Alhambra zu gehen – und das noch Hand in Hand mit einem geliebten Menschen – ist ein wunderbares Erlebnis. So viel Klugheit, Kunstfertigkeit und Sinn für Harmonie haben ein großartiges Zusammenspiel von Licht, Wasser, Stein, Holz, Säulen, Mustern, Nischen und Schriften geschaffen. Und auf sämtlichen Wänden und Flächen, über dem Thronsaal und in allen Gästegemächern steht der Leitspruch der Nasriden: „Es gibt keinen Sieger außer Gott.“ (Anstelle von Gott setze ich auch gerne „das Ganze“ oder „die Liebe“ – für mich ist das alles das gleiche.)


Spätestens da hatte ich die Frage, ob die Alhambra ein früher Versuch von Menschen war, etwas zu schaffen, was wir heute Heilungsbiotop nennen. Ich weiß, das klingt naiv. Auch damals gab es Konkurrenz, Lüge, Bruderkrieg, Mord- und Totschlag. Die Zeit der Nasriden war alles andere als gewaltfrei. Und dennoch muss es hier Menschen gegeben haben, die eine Ahnung von einer heiligen Ordnung hatten. Und die diese heilige Ordnung in Form von Kunst, Handwerk, Literatur und Wissenschaft ausdrücken wollten.

Die anstehende Transformation verlangt von uns, diese höhere Ordnung – Wissen, Schönheit und Harmonie – in die realen Verhältnisse unter Menschen zu bringen. In die Zusammenarbeit, die Beziehungen, die Kommunikationsformen. Die höchste soziale Form dieser Ordnung unter Menschen heißt: Vertrauen. Und so stelle ich mir gerne vor, dass all die unglaubliche Schönheit der Alhambra der Abdruck des Schönsten ist, was Menschen erleben können: Vertrauen.

Ich habe als Studientext einen Textabschnitt ausgewählt, über den wir heute morgen im „Gottespunkt“ von Tamera gesprochen haben. Er ist von Dieter Duhm und stammt aus der Projekterklärung 1 vom Friedensexperiment Monte Cerro. Der Eingangssatz ist aus diesem Text, ebenso wie dieser Satz, von dem ich mich diese Woche besonders inspirieren lassen möchte, heißt: „Gemeinschaft bedeutet, andere Menschen wirklich kennenzulernen und zu sehen, wer sie wirklich sind.“

Ich finde allerdings jeden einzelnen Satz dieses Textes ungeheuer  inspirierend. Und ich freue mich, wenn du mit den Gedanken arbeitest, wenn du sie – gemeinsam oder allein – studierst, sie in deinem sozialen Umfeld anwendest, soweit es geht – und auch gerne eine Rückmeldung gibst. (Am liebsten als Kommentar auf der Plattform, dann können alle es lesen.)

Herzliche Grüße aus dem endlich regenreichen Tamera!

Christa

  


Glück ist Geborgenheit in Größerem – Vertrauensbildung in Gemeinschaft

von Dieter Duhm

Die Erfüllung des Lebens hängt auch davon ab, welche Antwort ich geben kann auf die Frage: Für was oder wen tust du das? Wenn die Antwort in überzeugender Weise auf etwas Größeres gerichtet ist als nur auf die eigene Person, könnte ein erfülltes Leben in Aussicht stehen. Persönliche Probleme brauchen eine höhere Ordnungsebene, um gelöst werden zu können. Eine solche höhere Ordnungsebene ist die Gemeinschaft. Gemeinschaft bedeutet Leben auf kommunitärer statt privater Basis. Vielleicht ist dies einer der radikalsten Paradigmenwechsel überhaupt: der geistige und moralische Wechsel von einer privaten Lebensführung zu einer kommunitären. Nur so können die Schutz- und Abwehrmechanismen, welche sich die Menschen unserer Zeit in ihrer isolierten Existenz angewöhnen mussten, langfristig abgebaut werden. Weiterlesen

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