Terra Nova

Wieviel Wasser gibt es?

 

Tropfen

von Brunhild Krüger

 
Ich trinke eine Tasse Kaffee. Vielleicht sind es 100 Tropfen Wasser, vielleicht 1000. Die Moleküle kann ich gar nicht zählen. Ich weiß, es sind 150 ml.Während der Kaffee mir entgegenduftet, ich noch einen Augenblick warte, dass sich sein Aroma besser entfaltet, genieße ich in Gedanken seinen Geschmack. Der Geruch von Kaffee ist etwas Wunderbares.

 
Doch jetzt mischen sich Bilder in den Vor-Genuss: Was hat dieses Wasser schon erlebt? Was könnte es erzählen, wo war es wann gewesen, was hat es gesehen, was hat es getan?Der erste Tropfen sagt: „Ich war im Schweiß eines Arbeiters, der bei den Pyramiden mitbaute.“

 
Der zweite Tropfen sagt: „Ich war in dem Meer, als es zurückbrauste, die Ägypter zu ertränken, die dem Moses und seinem Volk folgten.“
 
Der dritte: „Ich sah Odysseus, angebunden am Mast – und ich hörte die Sirenen singen, ich war in ihrem Atem.“Einer erzählt, er sei auf einen Stein gefallen und dann mit einem ungeheuren Tempo in die Wolken gestiegen, richtig heiß sei ihm gewesen.

Dann kommt einer an die Reihe, der von der Feuersbrunst erzählt: Er konnte nicht helfen, er und seine Brüder damals, sie waren zu wenige gewesen in den kleinen Ledereimern.Einer war im Blut des ersten Indianers, der von einem Weißen getötet wurde. Einer lag mit seinen Freunden auf den Blättern der Blumen an einem wunderschönen Sommertag. Ein anderer berichtet verschämt von dem Nachtgeschirr, das tagelang nicht gesäubert wurde. Der nächste schwärmt von den Gletscherbergen, der Ruhe, der Kälte, dem Frieden.

Wieder einer war in dem Regen, der auf die Toten fiel, damals in Paris 1789. Ein anderer in der ersten in Deutschland geernteten Kartoffel. 

Dieser erinnert sich an die Träne, in der er war, als die Nachricht kam, der Vater sei gefallen. 
Mit jenem wurden die Fenster geputzt beim Einzug in das selbst gebaute Haus. Mit einem anderen wurde Hände gewaschen, der nächste floss ungenutzt aus dem tropfenden Wasserhahn.Schneeballschlachten, Schwimmwettkämpfen, Turbinen, Mühlen, Schiffsrümpfen, Zuckerfabriken, Waschkesseln, Pferderennen, Kinderfesten, Meerestiefen, Bergeshöhen, von Hitze, Kälte. Was und wo sie nicht alles gewesen seien: Spucke, Kaffee, Blut, Pfefferminztee, Urin, Jauche, Butter, Ei, Schnaps, Wein, Sperma, Bier, Milch, Regen, Schweiß, Abwaschwasser, Hagel, Dampf, Wolken, im Fleisch und im Stein, im Baum und im Sand, in der Luft und tief in der Erde – alles haben sie gesehen, die Wassertropfen in meiner Kaffeetasse.

Das alles erzählen sie mir – und ich denke an die vielen, die es noch gibt, jeder Einzelne mit seiner eigenen Geschichte.
So viel Wasser, so viele Erinnerungen!

Wenn Ihr mich fragt, wieviel Wasser es gibt auf dieser Welt – ich bleib dabei: Es gibt nur ein einziges Wasser!

 
(Brunhild Krüger aus Wittenberg ist Teil unseres Terra Nova Netzwerkes – ich freue mich über alle Texte, Gedanken und Feedback. Ihr könnt sie auch direkt hier oder als Kommentare unter einen Beitrag veröffentlichen.)
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